Zwischen den Welten

16 wandzeitung-vor-ernestos-hausNach 1985 lebten Ernst und Eva den größten Teil des Jahres in Uruguay. Sobald es dort aber Winter wurde (Mai bis September) kamen sie jedes Jahr für ein paar Monate nach Europa. Sie hatten ihren Standort in Frankfurt, reisten viel und besuchen Verwandte und Freunde in Deutschland, den Niederlanden und in Israel.
Daneben hielt vor allem Ernst sehr viele Vorträge über Uruguay oder las aus seinen Büchern, vor allem der Autobiographie „Heimat im Exil – Exil in der Heimat“. Das tat er in Schulen, Kulturzentren, linken Infoläden, Kirchengemeinden, Gewerkschaftshäusern oder bei attac.

So lebten Ernst und Eva als Wanderer zwischen den Welten, vielleicht sollte man sagen „in zwei Welten“, den sie fühlten sich in beiden zu Hause und nahmen regen Anteil an dem, was dort geschah. Wenn Ernst und Eva in Deutschland waren, sahen sie es als ihre Aufgabe an, über Lateinamerika und besonders über Uruguay zu informieren. (s. Filmprojekt "Ernst alias Ernesto" von Martin Kessler)  In Uruguay machten sie es im Brecht-Haus umgekehrt.
In Uruguay engagierte neben seiner Tätigkeit im Bertold-Brecht-Haus und in der Frente Amplio, vor allem in der Nachbarschaftsorganisation in seinem „Barrio“ (Stadtvierteil).stadtteilzeitung-comite-andresito Alle zwei bis drei Monate redigierte er eine kleine Stadtteilzeitung mit Artikeln über politische Debatten in der Stadt und im Land sowie praktischen Hinweise für die BewohnerInnen. Vor dem Haus Evas und Ernestos in einem ärmeren Stadtteil Montevideos hatte Ernesto eine kleine Plakatwand aufgebaut, mit der er die Nachbarn im Barrio regelmäßig über politische und wirtschaftliche Entwicklungen informierte.
17 verleihung-der-ehrenbuergerwuerde-montevideosFür sein Engagement für die Demokratie und sein soziales Engagement im Stadtteil ernannten ihn die Stadt Montevideo im März 2007 zum Ehrenbürger, eine Auszeichnung, die nur selten vergeben wird.
Wie vieles andere in seinem Leben, hat Ernst auch das zweifache Exil keineswegs nur als Verlust gesehen, sondern als Chance, etwas Neues kennenzulernen und wichtige Erfahrungen zu machen. Diese Neugier und die Offenheit hat er sich bis ins hohe Alter bewahrt, noch mit über neunzig fiel es ihm leicht, mit Leuten aus ganz unterschiedlichen Altersgruppen, sozialen Zusammenhängen und Kulturkreisen zusammenzukommen und zu kommunizieren.
18 grabstaette-ernesto-neuer-juedischer-friedhof-ffmBei ihrer Europareise im Sommer 2011 musste Ernesto mit schweren Schmerzen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Ärzte diagnostizierten eine Perforation des Darms. Nach fünf Operationen stabilisierte sich sein Zustand zunächst, doch er erholte sich nicht mehr. Ernesto starb am 11. März 2012 in Frankfurt/M. Zu seiner Beisetzung auf dem Neuen jüdischen Friedhof in Frankfurt kamen mehrere hundert Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Zusammenhänge: junge AktivistInnen, Kollegen von der IG Metall, kritische Intellektuelle, KünstlerInnen, Exilierte aus Lateinamerika. Sie alle wollten sich von einem Freund und Genossen verabschieden.