Von Ernst zu Ernesto

ernst-gewerkschaft-foto-martin-kesslerIn Montevideo fand Ernst, nun Ernesto, schnell Arbeit. Er profitierte von seiner Lehre als Maschinenschlosser, die er in Deutschland gemacht hatte. Mit dieser Ausbildung konnte er im Ausbesserungswerk der uruguayischen Eisenbahnen, damals im Besitz einer britischen Gesellschaft, anfangen. Wieder trat er sofort in die Metallarbeitergewerkschaft ein, der er die nächsten 74 Jahre (!) angehören sollte. Außerdem engagierte er sich bald im „Deutschen Antifaschistischen Komitee“, einer Gruppe, die Flüchtlinge aus Nazideutschland in Montevideo gegründet hatten, um auch von Lateinamerika aus gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen.

Hauptsächlich bestand die Arbeit des Komitees darin, die uruguayische Öffentlichkeit über die Zustände in Deutschland zu informieren und Geld für den Widerstand in Europa zu sammeln.
08 deutsches-antifaschistisches-komitee-auf-der-maikundgebung-1944-montevideoSeine Versuche, den Eltern die Emigration nach Uruguay zu ermöglichen, vereitelte der Zweite Weltkrieg. Seine Mutter und sein Vater wurden von den Nazis ermordet, seinen beiden Geschwistern gelang die Flucht nach Palästina.
Ernst akklimatisierte sich zunehmend in seinem Exilland und ging nach einiger Zeit eine Beziehung zu Coca, einer jungen Uruguayerin ein. Im September 1944 heirateten die beiden.
Nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus in Deutschland wollte Ernst in die Sowjetische Besatzungszone, die spätere DDR, übersiedeln, weil er dort ein neues sozialistisches, antifaschistisches Deutschland im Entstehen sah. Coca wollte mit ihm in das zerstörte Land gehen. Doch die sowjetische Botschaft in Montevideo verweigerte ihnen das Visum. Einen oppositionellen Kommunisten, der einer Organisation angehört hatte, die Stalin und die KPD-Führung kritisiert hatte, wollten sie in der Sowjetischen Besatzungszone nicht haben.
 09 wohnkomplex-barrio-surDaraufhin entschied er sich, in Uruguay zu bleiben, heiratete und wurde – trotz einiger ideologischer Bedenken – Mitglied der Kommunistischen Partei. Zusammen mit Mitglieder anderer linker Gruppen arbeitete er im „Comité Popular del Barrio Sur“, eine Stadtteilinitiative in einem ärmeren Viertel Montevideos. Außerdem war er weiter in der Metallarbeitergewerkschaft aktiv, wo er unter anderem deren Zeitung betreute.
Unter seinen umfangreichen politischen Aktivitäten, für die er dauernd neben der Arbeit in einem Betrieb für Dampfkesseltechnik unterwegs war, litt seine Beziehung. Coca und er hatten inzwischen zwei Kinder, den Sohn Peter und die Tochter Elly, mit denen Coca die meiste Zeit alleine war. Sie reichte die Scheidung ein und das Paar trennte sich. Einige Jahre später kamen sie wieder zusammen und heirateten ein zweites Mal.10 coca-und-enkelkind-martinAuch wenn er sich nun mehr Zeit für die Familie nahm, blieb er politisch aktiv. Auch nach dem Juni 1973, als die Militärs putschen und die Macht in Uruguay übernahmen. Linke Parteien und Gewerkschaften wurden verboten und konnten ihre Tätigkeit nur noch in der Illegalität fortsetzen. Dabei waren sie ständig von Verhaftung bedroht. Ernst wurde unmittelbar nach dem Putsch verhaftet, nach einigen Tagen aber wieder auf freien Fuß gesetzt (sein Sohn Peter war von 1975 bis Ende 1981 als politischer Gefangener im Knast, in dieser Zeit starb seine Mutter Coca an einem Krebsleiden).11 peter-kroch-nach-entlassung-aus-dem-knast Obwohl Ernst unter Beobachtung stand und schon einmal verhaftet worden war, arbeitet er weiter innerhalb der Untergrundstrukturen der Metallarbeitergewerkschaft. Als Beatriz Martinez, seine Verbindungsfrau zur Gewerkschaftsführung,  1980 festgenommen wurde, war er extrem gefährdet. Es war bekannt, das Verhaftete gefoltert wurden, um die Namen von anderen AktivistInnen aus ihnen herauszupressen. In den Untergrundstrukturen galt die Regel, dass Verhaftete um jeden Preis versuchen sollten, der Folter 36 Stunden standzuhalten, damit jene, die politisch mit ihnen zusammengearbeitet hatten, untertauchen oder ins Ausland fliehen konnten.12 gewerkschaftshaus-metallarbeitergewerkschaft Als Ernst von der Verhaftung seiner Kollegin erfuhr, wusste er, dass er schnellstmöglich fliehen musste. Er nahm den nächsten Bus zur brasilianischen Grenze und fuhr zunächst zu Verwandten nach São Paulo. Doch auch dort war er nicht sicher, weil die Diktaturen in Südamerika – auch in Brasilien regierten die Militärs – zusammenarbeiteten. Da er zwischenzeitlich einen bundesdeutschen Pass beantragt und erhalten hatte, entschied er sich, in die Bundesrepublik Deutschland zu gehen.