Frankfurt/Main

Er, der einst Deutschland verlassen musste, kam nun als Flüchtling in eben dieses Land, in eine Gesellschaft, die er kaum kannte. Er ging nach Frankfurt am Main. Zunächst versuchte er Arbeit zu finden, was für einen 63-Jährigen nicht gerade einfach war. In seinem Beruf als Metallfacharbeiter bzw. -techniker gab es keine Möglichkeiten. Er konnte dann aber etwas Geld als Übersetzer, Sprachlehrer und später auch als freier Mitarbeiter des Hessischen Rundfunks verdienen und erhielt eine kleine Rente.

 Auch in Frankfurt begann er bald, sich politisch zu engagieren. Er tat im Prinzip wieder das, was er zwischen 1939 und 1945 im „Deutschen Antifaschistischen Komitee“ in Montevideo gemacht hatte. Er versuchte die deutsche Öffentlichkeit durch Vorträge, Infostände, Zeitungsartikel über die Diktatur in Uruguay zu informieren und Geld für die  Unterstützung der Familien politischer Gefangener zu sammeln.
Über diese Arbeit traf er erneut Eva Weil. Sie hatten sich schon in einer Jugendgruppe im „Deutschen Antifaschistischen Komitee“ kennengelernt, wo Ernst den Jugendlichen Marxismusunterricht gab.

Eva stammte ebenfalls aus einer jüdischen Familie, die vor den Nationalsozialisten nach Montevideo geflohen war. Sie lebte bis in die siebziger Jahre in Uruguay, verließ das Land dann aber unter der Militärdiktatur. Sie war zwar nicht unmittelbar gefährdet, wollte das repressive Klima aber nicht länger ertragen. Ihr habe die Luft zum Atmen gefehlt, wie sie einmal sagte.

13c eva-beim-trommeln-gegen-die-amnestieSie engagierte sich bereits in Uruguay bei Amnesty International, einer Arbeit, die sie in Frankfurt weiterführte. Außerdem arbeitete sie als Sekretärin im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge, die Folter und Haft erlitten hatten.Als sie 1978 für eine Woche im Auftrag von Amnesty International nach Montevideo reiste, nahm sie auch Kontakt mit Ernst wegen seines Sohnes Peter (damals im Zuchthaus Libertad) auf. Ernst reiste 1979 aus familiären Gründen nach Israel und besuchte auch in Deutschland Freunde besuchte, trafen sich die beiden wieder und wurden dann auch ein Paar.

13 ernst-mit-kollegenObwohl sich beide in Frankfurt gut eingelebt hatten, wollten sie zurück nach Uruguay, sobald dies möglich sein würde. 1985 – nach Ende der Militärdiktatur – konnten sie sich diesen Wunsch erfüllen. Obwohl Ernst bereits 68 Jahre alt war, nahm er seine Arbeit in der Fabrik für Dampfkesseltechnik wieder auf. Und natürlich auch seine politischen Aktivitäten, in der Gewerkschaft, dem Linksbündnis Frente Amplio (aus der Kommunistischen Partei trat er wegen deren orthodoxer Haltung aus) und im Bertolt-Brecht-Haus.14 brecht-haus-2004-foto-theo-bruns Das war früher ein von der DDR unterstütztes Kulturinstitut, das als uruguayischer Verein funktionierte. Nach dem Ende der DDR entschieden die Vorstandsmitglieder, das Projekt weiterzuführen. Hier kann man heute immer noch Deutsch lernen, und es finden regelmäßig Seminare und Veranstaltungen statt, häufig zu ökologischen Themen, Fortbildungen für MitarbeiterInnen von Nachbarschaftsgruppen und Stadtteilzeitungen, Lesungen, kulturelle Veranstaltungen oder philosophische Diskussionsabende.